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Coldplay: Die Alben im Ranking

Eine Kaufanleitung – keine uneingeschränkte Empfehlung, aber durchaus als Verteidigung zu lesen.


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Wer genau sind Coldplay jetzt eigentlich? Vier Männer, die genau wissen, wie man den perfekten Popsong schreibt? Oder doch angealterte Superbowl-Kitschonkel mit einen Hang zu schmierigem Pathos, denen alle zwei Jahre die Farbtöpfe explodieren?

Die Antwort liegt in der Mitte: Die Briten um Chris Martin können nicht auf ein konsistent starkes Gesamtwerk zurückblicken, wohl aber auf einige sehr gute Alben.

KLASSE

A RUSH OF BLOOD TO THE HEAD (2002)

Wenn Chris Martin in Politik nach Stärke, nach Herz, nach Kontrolle sucht, ist das nicht nur als Kommentar zu 9/11 zu sehen, sondern auch zum eigenen Anspruch: Dieses Album strebt nach Größe. Die meisten Songs dauern über fünf Minuten, Kleinteiligkeit ist aber ebenso wichtig, die Produktion viel ausgearbeiteter als auf dem Debüt. Mit „The Scientist“, „Clocks“ und „In My Place“ definierten drei Songs die Popmusik der Folgejahre entscheidend mit. Sie zeigten auch den Unterschied zu ähnlichen Bands der Zeit wie Travis oder Starsailor auf: Aus diesen Liedern tropft Grandezza, die eher an U2 erinnert.

Fünfeinhalb Sterne

VIVA LA VIDA OR DEATH & ALL HIS FRIENDS (2008)

Brian Eno als Produzent. Eugène Delacrois als Artwork-Ideengeber. Eine Tour, auf der die Band passende Revolutionsklamotten trug. Himmel, darin sahen sie aus wie von Hooligans verprügelte Rondo-Veneziano-Mitglieder. Aber das ist nicht der Punkt. Denn erstmals hielten Coldplay auf einem Album zu hundert Prozent die Balance. Ungestüme Momente der Euphorie treffen auf zärtliche Umarmungen. Der Titeltrack federt auf Streichern, in „Yes“ singt Martin mit einer Low Voice von den „High Hopes“. Eines dieser Alben, auf denen man bei jedem Hören neue Winkel findet, in denen es sich leben lässt.

Sechs Sterne

MYLO XYLOTO (2011)

Dieses Album fiepst und tönt und klirrt; nie passiert nichts, und dazu kommt noch eine Geschichte. Lesen Sie diese bitte selber nach, sie hat irgendwas mit einem Planeten zu tun, auf dem gegen Klang und Bild gekämpft wird, was wohl die explodierenden Farben auf dem Cover erklärt. Schiebt man diesen Quatsch beiseite, ist dieses Album schwelgerischer Pop im besten Sinne. Vor allem das groß angelegte „Charlie Brown“ und der Dance-Track „Princess Of China“ sind stark: erstes offizielles Feature auf einem Album, und dann gleich Rihanna, damals die wichtigste Sängerin der Welt.

Fünf Sterne

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GHOST STORIES (2014)

„I think of you. I haven‘t slept.“ Hier hören wir einen Mann, Ende 30, der gramvoll die großen Fragen stellt. Die Band klöppelt dazu freundlich vor sich hin, ambiente Strukturen sind wichtiger als auf den Vorgängeralben. Jon Hopkins ist wieder dabei, aber auch Avicii. Der macht sich leider unangenehm breit: „A Sky Full Of Stars“ ist Autoscooter, Mobilfunkwerbung, Holiparty, aber kein Song. Bitte mit einem rostigen Nagel von der Platte kratzen, die sonst viele große Momente hat, nachzuhören im müde daliegenden „Oceans“, in „Magic“, der vielleicht besten Coldplay-Single überhaupt, oder auch im Ambient-Encore „Fly On“.

Viereinhalb Sterne

DURCHSCHNITT

PARACHUTES (2000)

So gut, so gediegen: Von „Yellow“ abgesehen, das es zu einem veritablen Indie-Diskohit brachte, regiert auf dem Debüt von Coldplay die Gefühligkeit. Das ist angenehm, bisweilen sogar sehr großartig. Wie man das Knarzen der Gitarre im kleinen Titeltrack hört! Wie sich in „High Speed“ verschiedene Ebenen immer wieder überlagern! Und wie „Sparks“ erst mal nach den richtigen Akkorden zu suchen scheint. Und trotzdem: Dieses zur einen Hälfte an Nick Drake und zur anderen an den Britpoppern Embrace geschulte Album wirkt 25 Jahre später als Gesamtwerk ein wenig zu wolldeckenhaft, um weiter oben zu stehen.

Vier Sterne

X&Y (2005)

Dass die Dinge auf dem dritten Album etwas anders laufen, deutet schon der Opener an: „Square One“ erzählt nicht nur vom „Space, in which we travel in“, sondern liegt zunächst auf kristallinen Synthieflächen. Diese weichen rasch breit aufgestellten Stadionrockgitarren. Das gesamte Album ist eine selbstbewusste Kampfansage. Die Refrains sind noch einmal unmittelbarer geworden, die Arrangements glatter. Gleichzeitig wirkt es über weite Strecken eigenartig generisch, was auch an den Texten liegt: Die wollen das ganz Große anpacken, schrammen aber knapp am Poesiealbumtum vorbei.

Dreieinhalb Sterne

EVERYDAY LIFE (2019)

Die gute Nachricht: Nach dem klebrigen A HEAD FULL OF DREAMS haben sich Coldplay wieder gefangen. Statt Fun gibt’s allerhand Ernsthaftes über persönliche wie gesellschaftliche Probleme: So handelt „Orphans“ vom Schicksal syrischer Kriegswaisen, thematisiert „Trouble In Town“ soziale Ungerechtigkeit, Rassismus und das Gefühl der Entfremdung in einer polarisierten Welt. Musikalisch wird der klassische, diesmal etwas heruntergedimmte Coldplay-Pop durch arabische und afrikanische Einflüsse aufgebrochen, die sich in Samples bzw. Gastbeiträgen von Fela, Femi und Mati Kuti sowie Stromae manifestieren.

Vier Sterne

AUSSCHUSS

A HEAD FULL OF DREAMS (2015)

Coldplay blicken wieder auf all die lustigen Farben in ihrem Kaleidoskop. Mehr noch, „Kaleidoscope“ lautet auf diesem Album sogar ein Songtitel. Es ist schön, dass Chris Martin so guter Dinge ist. Aber ihm und dem norwegischen Produzententeam Stargate gelingt es nicht, aus dieser Euphorie auch nur halbwegs interessante Musik abzuleiten. Beyoncé singt ein paar mal mit, auf dem abschließenden „Up & Up“ spielt Noel Gallagher Gitarre, zumindest behaupten das die Liner Notes, zu hören ist es nicht. Kurzum: Dieses Album ist schlichtweg langweilig. Man kann sich nicht einmal richtig darüber ärgern.

Zweieinhalb Sterne

MUSIC OF THE SPHERES (2021)

In gewisser Weise der Nachfolger von MYLO XYLOTO. Auch hier ist die Handlung im Weltraum angesiedelt, einige Songs tragen Sonderzeichen als Titel. Den Musical Director gab Max Martin, der Superproduzent aus Schweden. Eine Kombination, die sich blutleer anfühlt: Sowohl Sounds als auch Lyrics wirken wie beliebig angeordnete Versatzstücke, anstelle von Gefühlen sind es Posen, die man wahrzunehmen meint. Der schönste Song ist ausgerechnet jener mit dem Feature-Gast, der einen bei bloßer Lektüre eher underwhelmed zurücklässt: „Let Somebody Go“ mit ­ Selena Gomez streichelt wenigstens kurz die Seele.

Zweieinhalb Sterne

RANDGEBIETE

Coldplay tun gerne Gutes. Und sie tun das nicht im stillen Kämmerlein, sondern gerne im Licht der Öffentlichkeit. Die Anzahl ihrer Charity-Songs, -Auftritte und -Beiträge ist beeindruckend hoch. Rezensieren in einem klassischen Sinne lässt sich das nicht, wohl aber wollen wir auf einige hin­weisen: Da ist etwa das Benefizkonzert „One Love“, das an die Opfer des Terroranschlags in Manchester am 22. Mai 2017 erinnert. Hier sang Chris Martin gemeinsam mit Ariana Grande den Oasis-Klassiker „Don’t Look Back In Anger“ und begleitete Liam Gallagher auf der Gitarre zu „Live Forever“, beides findet sich bei YouTube und ist durchaus berührend.

Zehn Jahre zu­ vor mischten sie ebenfalls bei einem All-Star-Charity-Konzert mit: Das gemeinsam mit Richard Ashcroft gespielte „Bittersweet Symphony“ ist allerdings nur mittelmäßig interessant. Blickt man auf tatsächliche Veröffentlichungen jenseits der Alben, sind vor allem folgende Werke hervorzuheben: Die Debütsingle „Brothers & Sisters“ erschien 1999 bei Fierce Panda, damals eines der wichtigsten Indie-Label Großbritanniens. Interessant ist daran, dass man erkennt, wie Coldplay klingen könnten, wenn sie eine Alternative-Band mit kernig-analoger Produktion geblieben wären. Einen weiteren Song aus der Frühzeit verschenkten Coldplay 2004 an ihre Freunde Embrace: Die Klavierballade „Gravity“ gibt es allerdings auch von ihnen selbst zu hören, gut versteckt als B-Seite auf der Single „Talk“.

Eine sinnvolle Ergänzung zu VIVA LA VIDA ist die „Prospekt’s March“-EP. Was auf den ersten Blick nach schnöder Resteverwertung klingt, liefert tatsächlich einige Höhepunkte: „Life In Technicolor II“ nimmt das gleichnamige Instrumental auf, verwandelt es jedoch in einen hymnischen Rocktrack, der ein bisschen an Arcade Fire erinnert, was auch für das folgende „Glass Of Water“ ein valider Bezugspunkt ist. Von „Lost“ gibt es auch eine Version mit Jay-Z.

Ein Ausreißer ist zweifellos „Global Citizen – EP 1“: Unter dem Pseudonym Los Unidades luden Coldplay Pharrell Williams, David Guetta und Stargate ins Studio. Wie das klingt? Nun, entsprechend nah am Dance und mit ein paar passenden Global Beats abgefüttert.

Zu guter Letzt noch ein Hinweis darauf, wie andere auf die Band blicken: Die Pet Shop Boys coverten 2009 „Viva La Vida“ im Verbund mit ihrem eigenen Hit „Domino Dancing“.

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