Popkolumne, Folge 245

„Antisemitismus fängt nicht erst bei Auschwitz an“ – Judenhass und Pop


Die Kampagnen der weltweit operierenden Israel-Boykott-Initiative BDS ragen auch tief in die Popkultur hinein. Ein Gespräch.

In der neuen Kolumne: Ein Gespräch mit den Herausgebern des Sammelbands „Judenhass Underground“ zum Thema Israel-Boykott-Initiative BDS und Popkultur.

Diese Woche wollte ich der Kolumne eigentlich noch mal meine kleine Reihe fortsetzen, in der ich von skurrilen Erlebnissen abseits von Interviews erzähle. Ein popkultureller Crowdpleaser, bei dem ich mit wallendem Bart vor dem knisternden Kamin sitze und gemütlich die Crackpfeife stopfe. So zu lesen hier und hier

Wäre doch auch gerade jetzt opportun, so etwas noch mal zu bringen. Ohnehin sind mir die seltsamen Ereignisse mit Bands noch lange nicht ausgegangen – und garantiert möchten viele aktuell nichts lieber, als sich vom schrecklichen Tagesgeschehen abwenden. Mich eingeschlossen to be honest.

In den vergangenen Tagen habe ich – wie sicher viele – versucht möglichst viel zu lesen und zu checken. Da ich eine Person bin, die sich als links versteht (Sorry Neo-Cons mit Vinylfetisch, jetzt ist es raus!), hat mich besonders verunsichert, wie verbreitet in (vermeintlich) eigenen Milieus Antisemitismus ist. Ob in Form von offenen Beifallsbekundungen zu den barbarischen Taten der Hamas, in mehr oder weniger aggressivem Relativismus oder auch in vielsagendem Schweigen. Oder natürlich in dem Talk von „Lanz und Precht“.

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Doch letztere sehe ich nicht als eigenes Milieu, deren Lebensäußerungen dienen eher als Abgrenzung und wenn Precht sich in fatalen Klischees über Jüd:innen äußert, dann stimmt wenigstens noch das persönliche Feindbild. Doch der Vernichtungswille gegen Israel in Stimmen aus beispielsweise der Queer-Community setzen mir weit mehr zu. Sehr hilfreich fand ich daher die Verortung von Hengameh Yaghoobifarah und Rosa Jelinek in einem unaufgeregten, erkenntnistreibenden Gespräch, dessen Lektüre ich nur empfehlen kann.

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Dieser Talk lässt sich dabei zurückführen auf eine aktuelle Bucherscheinung: „Judenhass Underground – Antisemitismus in emanzipatorischen Subkulturen und Bewegungen“ (Hentrich&Hentrich), herausgegeben von Stefan Lauer und Nicholas Potter. Darin setzen sich diverse Autor:innen mit dem Thema von Antisemitismus in Pop-, Sub- und Gegenkulturen auseinander. Viele Fragen, die sich – zumindest mir – dieser Tage gestellt haben, finden hier eine faktische Aufarbeitung. Ich möchte diese Kolumne daher zum Anlass nehmen, ein Interview mit den beiden Herausgebern aufzustellen. Lustige Anekdoten aus der Popwelt wann anders.

Gespräch zum Sammelband „Judenhass Underground – Antisemitismus in emanzipatorischen Subkulturen und Bewegungen“

„Judenhass Underground“ wirkt aktuell sehr prophetisch. Was war euer Auslöser, sonst eher singulär wahrgenommenen antisemitischen Realitäten in ein Buch zu bündeln?

Nicholas: Wir kommen beide aus der Clubkultur und mussten kopfschüttelnd zusehen, wie die queere Partyreihe ‚Buttons‘ während der Pandemie Schluss mit dem ://about blank gemacht hat. Wegen Israel. In einer wirren Kachelreihe auf Instagram war davon die Rede, dass queere Befreiung irgendwie mit den Träumen der Palästinenser:innen verkoppelt sei. Und dass man deshalb die Partys nicht mehr in einem Friedrichshainer Technoclub veranstalten wolle. Wir wollten dieses Weltbild ernsthaft verstehen. Aber natürlich auch entkräften. Denn es gibt in vielen sonst progressiven Szenen so viel Unwissen um das Thema Antisemitismus. Und wo diese antiisraelische Ideologie hinführt, haben wir in den vergangenen Tagen ganz deutlich gesehen, obwohl die Clubkultur selbst ein direktes Angriffsziel der Hamas wurde. Viele tun sich sehr schwer damit, diese barbarische Gewalt eindeutig zu verurteilen – nicht nur in der elektronischen Musikszene.

Stefan: Während des ganzen Prozesses und der Zeit, in der dieses Buch entstanden ist, ist immer mehr passiert. Zum Beispiel die unterschiedlichen antisemitischen Ausfälle bei der documenta, aber auch in der Klimabewegung und in der queeren Szene. Auch jetzt sehen wir: Das Buch schreibt sich einfach weiter fort.

Euer Buch ist vor den aktuellen Ereignissen entstanden. Wie habt ihr die vergangenen Wochen seit den ersten Angriffen der Hamas erlebt?

Nicholas: Wir haben ungern recht. Aber genau das, was wir in „Judenhass Underground“ beschreiben, haben wir in der vergangenen Woche auf Demos und in Timelines in sonst progressiven Blasen weltweit gesehen. Terror wird als antikolonialer Widerstand verklärt. Ohne Antisemitismus ist das schwer zu erklären.

Stefan: Viele der Gruppierungen, die wir und unsere Co-Autor:innen im Buch beschreiben, haben sich ganz schnell zu Wort gemeldet und direkt den Terror der Hamas relativiert oder einfach gleich ganz geleugnet. „Palästina spricht“ zum Beispiel. Die Gruppe hat Sharepics gebastelt und sie über Instagram geteilt, um die Terroristen zu feiern, die mit Gleitschirmen zum Beispiel das Supernova-Festival angegriffen und mehr als 260 Menschen ermordet haben. Sie sagen, dass alle Israelis eigentlich „Siedler“ sind und deswegen nichts anderes verdient haben.

Ein zentraler Player, der auch in dem Buch immer wieder adressiert wird, ist der BDS (Boykott, Desinvestition, Sanktionen), der vor allem im kulturellen Bereich aktiv ist – und sich gern bedeckt hält in seiner Zielsetzung, um anschlussfähig zu bleiben. Wenngleich ihr Omar Barghouti, einen der Mitbegründer des BDS zitiert: „Es ist unmöglich, Israel als jüdischen Staat auf unserem Land zu akzeptieren“. Wie erklärt sich für euch der weltweite Erfolg des BDS?

Stefan: Wer sich tatsächlich mit dem sogenannten Nahost-Konflikt beschäftigt, merkt schnell: Es ist kompliziert. Der Konflikt ist alt, es gibt viele unterschiedliche Akteure, der britische Kolonialismus spielt eine Rolle und das Osmanische Reich, der kalte Krieg, die umliegenden Staaten und nicht zuletzt die Shoah. Die BDS-Kampagne hat aber ganz einfache Antworten auf komplexe Fragen. Da reicht es schon, einen Hashtag zu setzen und schon hat man sich positioniert und steht auf der angeblich richtigen Seite. Was von der Kampagne tatsächlich zu halten ist, zeigt sich aber gerade aktuell wieder: BDS Deutschland hat es nicht mal geschafft, sich vom Hamas-Terror zu distanzieren, sondern will stattdessen den Boykott israelischer Waren weiter intensivieren. BDS ist „Kauf nicht bei Juden“, im modernen Gewand.

Nicholas: Besonders in der Musikszene ist BDS ein niedrigschwelliges Angebot, sich politisch für die vermeintlich gute Sache zu positionieren. Und BDS knüpft trotz aller Unterschiede ganz bewusst an die Boykottbewegung gegen das rassistische Apartheidsregime in Südafrika an, die in der Musikbranche damals sehr erfolgreich war. Viele Musiker:innen und DJs haben sowieso noch nie in Israel gespielt, ein Verzicht auf den jüdischen Staat kostet ihre Karrieren nichts. Bezeichnend ist, dass fast keine dieser Boykotteur:innen im palästinensischen Ramallah oder in den Nachbarländern spielen, dafür reicht ihre Solidarität offenbar nicht.

Intersektionalität, also das Verständnis für die Überschneidung von Diskriminierungen, halte ich für die zentralste Erkenntnis aktueller Emanzipationsbestrebungen. Warum fallen hier aber jüdische Menschen oft so nachhaltig raus?

Stefan: Es fehlen oft die analytischen Werkzeuge dafür: Antisemitismus wird nur als Subgenre von Rassismus verstanden. Beim Rassismus geht es aber um Ausbeutung und Herabsetzung, Schwarze Personen oder People of Colour werden als minderwertig dargestellt. Antisemitismus funktioniert anders. Jüdinnen*Juden wird Übermächtigkeit zugeschrieben, sie sind diejenigen, die angeblich im Hintergrund alles steuern, die alle anderen unterdrücken. Hinzu kommt, dass Jüdinnen*Juden in diesen Zusammenhängen oft als „weiß“ gelten, was eigentlich überhaupt nichts mit der Realität zu tun hat und einen großen Teil von jüdischen Leuten unsichtbar macht. Vielmehr werden sie sogar noch „hyperweiß“, das beschreibt Riv Elinson im Kapitel zu Intersektionalität sehr eindrücklich. Jüdinnen*Juden werden dann plötzlich noch mehr Privilegien zugeschrieben als weißen Personen. Dann sind wir wieder zurück beim klassischen Antisemitismus, in dem Jüdinnen*Juden angeblich alle Fäden in der Hand haben.

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Für das Magazin „Siegessäule“ habe ich vor ein paar Jahren ein Interview gemacht mit der libanesischen Band Mashrou‘ Leila. Die Band hat wegen eines schwulen Mitglieds und ihres queeren Engagements Auftrittsverbote in arabischen Ländern wie Saudi-Arabien oder Jordanien. Auf einem Konzert in Ägypten schwenkten Zuschauer:innen Regenbogenfahnen und wurden inhaftiert. Auf die Frage, ob die Band denn aber in Israel auftreten würde, da sei so etwas in der Region doch möglich, wird Hamed Sinno von Mashrou‘ Leila laut, spricht von „Pinkwashing“ und dass die Band in Israel niemals auftreten werde. Dass selbst von Queerfeindlichkeit in realexistierenden arabischen Staaten Betroffene in Israel nur den Feind sehen, hat mich damals sehr hoffnungslos zurückgelassen. Wie seht ihr das?

Nicholas: Die Diskriminierung, mit der Mashrou‘ Leila konfrontiert ist, ist auch intersektional. Ich kann es insofern ein Stück weit verstehen, warum eine queer-arabische Band aus dem Libanon in Israel nicht auftreten möchte. Die Kriege zwischen dem Libanon und Israel sind für viele immer noch präsent, momentan wird die Landesgrenze wieder zur Front. Aber der „Pinkwashing“-Vorwurf ist lediglich ein weiterer Dämonisierungsversuch gegen den jüdischen Staat. Positive Errungenschaften werden zum hinterhältigen Plan. Würde Israel tatsächlich „Pinkwashing“ betreiben, wäre das Land nicht sonderlich erfolgreich darin. Momentan sitzen Homohasser in der Regierung, gleichgeschlechtliche Ehe ist im Land weiterhin nicht möglich. Und die Pride-Parade in Jerusalem wurde mehrmals angegriffen, teils tödlich.

Stefan: „Pinkwashing“ bedeutet, dass alle Bemühungen Israels um Gleichbehandlung und gegen Diskriminierung der queeren Community, eigentlich nur dazu dienen, von den Menschenrechtsverletzungen an den Palästinenser:innen abzulenken. Im Endeffekt ist das wieder eine Verschwörungserzählung: „Die Juden“, in diesem Falle der jüdische Staat, hat hinterlistige Pläne und lügt den Rest der Welt an. Warum diese Erzählung so gut funktioniert? Ich glaube, es liegt am Antisemitismus. Der ist tief verwurzelt und antisemitische Vorurteile und Anfeindungen treten immer wieder zu Tage, auch in der queeren Community.

Euer Buch zitiert eine weltweit gestreamte Freitagspredigt von 2022 aus der Jerusalemer al-Aqsa-Moschee, dort heißt es: „Unser muslimisches palästinensisches Volk wird es nicht akzeptieren, dass ein einziger Homosexueller seine Abscheulichkeiten öffentlich verkündet. Unser Volk wird keine Institutionen akzeptieren, die diese Abscheulichkeiten im gesegneten und reinen Land Palästina verteidigen. Wir erklären hiermit, dass wir alle Formen von Homosexualität und Perversion verachten und ablehnen“. Vor einem solchen Hintergrund wirkt „Queers for palestine“ naiv – oder steckt da letztlich auch eine irgendwie belastbare Utopie dahinter: ein liberales Palästina, das nicht auf islamistischen Säulen fußt und auf Koexistenz mit Jüd:innen ausgerichtet ist? Klingt theoretisch wünschenswert, oder?

Stefan: Klar, das ist eine schöne Utopie. Aber aktuell feiern einige Teile der queeren Szene den Angriff auf Israel, bei dem Hamas-Terroristen Frauen vergewaltigten, Kinder ermordeten und entführten. Die Predigt in der Moschee, genau wie diese Taten deuten daraufhin hin, dass queere Gleichwertigkeit oder Feminismus in der Praxis keinen großen Stellenwert in diesem angeblich liberalen Palästina hätten. Ich glaube nicht, dass ein Hamas-Terrorist, der auf verletzte Frauen spuckt oder demente Seniorinnen verschleppt, ein guter Ally für die queerfeministische Sache ist.

Nicholas: Theoretisch wünschenswert, ja. Aktuelle Umfragen deuten jedoch auf einen Erdrutschsieg der Hamas, würden morgen endlich wieder Wahlen in den palästinensischen Gebieten stattfinden. Von einem liberalen, queerfreundlichen Palästina sind wir noch sehr weit entfernt, auch wenn eine nachhaltige Zweistaatenlösung, die auf demokratischen Prinzipien beruht, weiterhin die Antwort sein muss. Es hilft aber nicht, so zu tun, als wäre Homofeindlichkeit in der palästinensischen Gesellschaft nicht weit verbreitet, mit teils tödlichen Konsequenzen. Und es hilft auch nicht, islamistischen Terrorismus zu verklären: Auf dem queeren Whole-Festival dieses Jahr soll jemand ein Hisbollah-T-Shirt getragen haben, auf dem internationalistischen CSD in Berlin hatte jemand ein Top der Terrorgruppe Höhle der Löwen mit pinken Maschinengewehren an.

Ein wichtiges Movement dieser Epoche ist die Klimabewegung. Auch hier finden viel antisemitische Äußerungen und Strömungen Platz – wie kann das überhaupt sein? Dass selbst das Thema Klimawandel vom Nahost-Konflikt überformt werden kann?

Nicholas: Das ist nichts Neues. BDS versucht seit eh und je, diverse soziale Bewegungen zu kapern, auch die Klimabewegung. Einige wenige lautstarke Stimmen versuchen, Israelhass oben auf die Agenda zu packen, teilweise mit Erfolg. Bewegungen wie „Fridays for Future“ sind gleichzeitig sehr jung, viele kommen zum allerersten Mal in Kontakt mit den Themen Antisemitismus und Nahost – und das überwiegend über Social Media. Da hat BDS ein leichtes Spiel. Andere in der Klimabewegung benutzen ganz bewusst provokante Begriffe, um Aufmerksamkeit zu generieren. Das ist eine perfide Medienstrategie, die auch einen antisemitischen Beigeschmack hat: Ein „Extinction Rebellion“-Mitgründer vergleicht die Klimakrise immer wieder mit der Shoah, eine trotzkistische Jugendgruppe spricht von einer „Klimaintifada“.

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Was könnt ihr mitgeben an positiven Impulsen? Wie kann sich (privat und politisch) engagiert werden, um die jetzige Lage nicht weiter zu verschärfen? Habt ihr da einen Rat?

Stefan: Betroffenen zuhören, ohne auf Propaganda reinzufallen. Das bedeutet zum Beispiel, Quellen zu prüfen, bevor ich eine Behauptung auf Social Media weiterverbreite. Ohnehin würde ich mir wünschen, dass Leute sich bewusst werden, dass nicht jede:r Nahost-Expert:in ist. Und es würde der Debatte sicherlich gut tun, wenn alle, die daran teilnehmen wollen, mehr lesen, als Instagram-Kacheln.

Nicholas: Sehe ich genauso. Mein Rat lautet: sich informieren und weiter bilden. Denn Antisemitismus ist mehr als nur ein Bauchgefühl der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft. Und Antisemitismus fängt nicht erst bei Auschwitz an.

„Judenhass Underground“ (Hrsg: Stefan Lauer / Nicholas Potter, Verlag Hentrich & Hentrich, 2023)

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