Kolumne

Ohne diesen Act kannst du 2024 vergessen – Mina Richman


Linus Volkmann findet, sie hat das bemerkenswerteste Debüt 2024 geliefert und sie direkt zum Gespräch getroffen.

Kunstvolle Songs und Texte, die gerade durch ihr Oversharing nichts als berührende Wahrhaftigkeit produzieren. GROWN UP von der Deutsch-Iranerin Mina Richman ist das bemerkenswerteste Debüt-Album des Jahres. Ein Gespräch musste also her.

Interviews … immer auch ein grelles Überraschungs-Ei. Ziemlich unmittelbar bekommt man mit, wie die Person, deren Songs man hört, in der direkten Begegnung dann wirklich ist. Ist sie freundlich, beflissen, fahrig, verwunschen, schlau, gar doof? Ist sie pünktlich, fashionable late, leise, laut? Mina Richman, die Ostwestfälin mit iranischem Vater, das machen schon die ersten Minuten Geplänkel klar, ist in dieser Verlosung ein Hauptgewinn. Stabile Gesprächspartnerin: wach, locker, interessiert und interessant – und von einem spürbaren Mitteilungsdrang getragen. Ihre Musik ist dabei melancholischer Pop mit Gitarre und trockenen Beats. Die Songs musikalisch genauso vielschichtig wie aber auch intim – hinreißende Mischung halt.

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Bei unserem Gespräch guckt Mina Richman tief in den Teetopf. Es ist schließlich immer noch Erkältungszeit und die Musikerin gerade auf ausladender Tour. Sie hat allen Grund dazu, es gilt dieser Tage ihre erste Platte, GROWN UP, in die Welt zu tragen.

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Lass uns zum Einstieg erstmal für alle Neuen die Basics klären. Was hat es mit deinem Namen auf sich?

MINA RICHMAN: In den Neunzigern Jahren war Cher in einer Talkshow und dort erzählte sie eine Anekdote über ihre Mutter. Die hatte sie nämlich irgendwann gefragt: „Kind, willst du nicht langsam sesshaft werden und einen reichen Mann heiraten?“, woraufhin sie antwortete, „Mom, I am a rich man!“ Und ich hatte lange nach einem Künstlernamen gesucht, da mein bürgerlicher Name sehr deutsch und sperrig ist – und vor allem auch immer falsch geschrieben wird. Das passierte mir auf Plakaten, aber auch seitens meiner Krankenkasse. Dann habe ich mich für Richman entschieden, auch weil ich mich schon immer für das Dehnen von Geschlechterzuschreibungen interessiere.

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Wie äußert sich das?

Zum Beispiel habe ich in der Schulzeit gern Fliegen getragen, ich bin aber auch ein Fan von Anzügen und habe schon als Kind lieber Papas italienische Lederschuhe statt der High Heels von Mama anprobiert. Ich identifiziere mich als weiblich, das ist nicht das Ding – aber für mich ist Gender etwas rein Performatives, mit Texten von Judith Butler und Ähnlichen habe ich mich dann auch in meiner Studienzeit auseinandergesetzt. Jetzt in der Musik erscheint mir der Name sehr passend für mich als offen queere Person, als bisexuelle Frau. Das möchte ich mitkommunizieren und dem eine Plattform bieten.

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Außerdem scheint mir ein Künstlername hilfreich, um die sehr private Mina von dem ganzen Play der Bühnenperson auch zu trennen. Also … ein bisschen zu trennen, denn letztlich funktionieren sie natürlich nicht ohne einander.

Mina Richman, das bist du – aber ihr seid auch eine Band?

Genau, wir sind zu viert. Nur ganz am Anfang war ich allein, aber es kamen schnell Freddy [Friederich Schnorr von Carolsfeld] und Alex [Alexander Mau] dazu. Und seit 2022 ist auch Leon Brames am Schlagzeug dabei, den hatten wir uns eigentlich nur mal für eine Release-Show ausgeliehen … wollten ihn dann aber einfach nicht mehr hergeben. So sind auch die allermeisten Songs für das aktuelle Album, das wir bei Tobias Siebert aufgenommen haben, zu viert entstanden.

Aber die Texte stammen von dir?

Ja, die schreibe ich – und die sind alle auch autobiographisch. Da möchte ich mich nicht hinter einem lyrischen Ich verstecken.

Mina Richman – the band. Foto: Jan Haller

Deine Kunst macht interessante und brisante Bezüge zu der Heimat deines Vaters auf – die liegt im Iran. Aber bevor wir dazu kommen, würde ich dich gern zu einer ganz anderen Sache befragen. Die hat aber genauso einen sehr regionalen Ausgangspunkt: Du kommst aus Bad Salzuflen, nicht wahr? Die Wiege der Hamburger Schule, hier trafen sich einst zu Schulzeiten Jochen Distelmeyer (Blumfeld), Bernadette Hengst (Die Braut haut ins Auge), Frank Spilker (Die Sterne) und diverse andere. Ich selbst habe mal eine Wallfahrt dorthin gemacht und sogar den Garten-Betrieb jener Spilkers am Ortsausgang beglotzt, „Samen Spilker“ hieß der, meine ich. Du bist etliche Generationen später geboren, sagt dir dieser Mythos von Bad Salzuflen dennoch etwas?

Na, klar. Meine Mutter ist mit Bernd Begemann zur Schule gegangen.

Nein!

Doch, ich bin daher mit seiner Musik quasi aufgewachsen. Später waren wir dann auf Facebook befreundet und dort schrieb er mir mal: „Bist du nicht die Tochter von der Schelpi? Ich spiele demnächst in Paderborn, wollt ihr nicht vorbeikommen? Ich setze euch auf die Gästeliste.“ Klar, wollten wir, sind hingefahren und vor Ort mussten wir merken, er hat vergessen uns auf die Liste zu setzen! Aber das Sputnik in Paderborn ist ein cooler Laden und irgendwie kam ich so rein. Meiner Mutter war das aber alles zu unangenehm, die hat extra gezahlt! Ein wenig awkward also zu Beginn, aber war dann natürlich ein toller Abend und der Kontakt hat sich gefestigt. Daher meinte Bernd auch, „wenn ich wieder in Lippe bin [Wir sprechen hier über den mächtigen Kreis ‚Ostwestfalen-Lippe‘, Anmerkung], lass zusammen mal was machen, du kannst doch so gut singen.“ So kam es, dass wir ein paar Duette live in Bielefeld aufgeführt haben.

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Wow, du trägst die Pop-Historie der verwunschenen Kurstadt Bad Salzuflen wirklich aufs nächste Level. Faszinierend. Aber dann lass uns aber trotzdem mal das Land verlassen und nimm uns mit in den Iran. Woher kommt dein Bezug dorthin?

Ganz einfach, mein Vater kommt aus dem Iran. Das ist natürlich eine starke Verbindung – auch für mich. Im September 2022 ist dann Jina Amini in Teheran umgebracht worden von der Sittenpolizei aufgrund ihres „nicht angemessen sitzenden Kopftuchs“. Das hat mich richtig rausgerissen – mir wurde zum ersten Mal wirklich bewusst, was dieses Land eben auch sein kann. Wir waren früher jedes Jahr dort gewesen. Iran, das stand für mich für meine Kindheit, ich sah das alles durch eine rosarote Urlaubsbrille.

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Ich muss dazu sagen, ich spreche die Sprache kaum und verstehe auch nicht viel. Daher waren meine Erinnerung vor allem, wie wir in irgendwelchen wunderschönen Gärten unter den Orangenbäumen sitzen. Alles ist fast schon dekadent, es gibt super leckere, selbst gekochte Speisen – und dann fährt man mal in die eine Einkaufspassage und dort in die Sauna mit meiner Mutter, isst in einem schönen Hotel in Schiras und besucht paar Tage später einen Garten in Isfahan und so weiter.

Sehr vornehm euer Leben dort …

Haha, das klingt jetzt vielleicht etwas posher, als es in Wahrheit war. Aber für mich als Kind kam es nicht anders rüber. Ich hatte frei und es gab ständig tolle Sachen zu essen, wir bekamen frische Feigen aus dem Garten meiner Tante gereicht – was sollte man da auch anderes denken als „das Leben ist schön“?

Hast du damals aber auch schon Misstöne wahrgenommen?

Natürlich. Ich habe schon auch mal mitbekommen, dass meine Cousinen nicht so wirklich freiwillig ihr Kopftuch tragen. Mir ist genauso in Erinnerung, dass mich einmal ein alter Knacker auf der Straße angemotzt hat, weil ich eben keines hatte. Woraufhin aber mein Cousin eingeschritten ist und meinte, was er denn wolle, er sei doch fast schon unter der Erde und solle uns keinen Stress machen. Mir ist aber heute erst bewusst, dass das rosarote Bild, dass mein Kopf über den Iran produziert, nicht wirklich mit der Realität für die Menschen vor Ort übereinstimmt. Die Regierung ist eine Diktatur, die Kontrolle über ihre Bevölkerung ausübt. Und das hat mich 2022 richtig in so einen emotionalen Strudel gerissen. Wie die Iranerinnen saß ich manisch an meinem Handy und habe die Storys refresht. Bei Enissa Amani habe ich viel geguckt und die ganzen Ereignisse in diesem Herbst im Iran erstmal nur konsumiert. Ich war gleichzeitig so erschüttert aber auch hoffnungsvoll über die sichtbar werdende Bewegung der Frauen vor Ort – all diese simultanen Emotionen mussten irgendwo hineinfließen und wie so oft bot sich Musik als Gefäß an.

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Wir haben zu der Zeit zweimal hintereinander in Dresden auf einem Weinfest gespielt. An einem Weinberg, an einem wunderschönen Tag hatte ich dann jemand gefragt, ob er gerade mal aufnehmen könne, wie ich diesen Song zu den Ereignissen spiele. Ich habe ihn dann unmittelbar hochgeladen – mir war wichtig, dass die Menschen, die ich dort kenne, dass meine Familie im Iran sehen, dass ich nicht nur an sie denke, sondern mich solidarisch zeige. Der Song war das Naheliegendste und die in meinen Augen aufrichtigste Variante, das zu tun.

Dieser solidarische Gruß nahm dann aber ziemlich schnell große Dimensionen an?

Ja, in den nächsten Wochen ist der Song komplett explodiert. Am Anfang waren das erstmal meine Freunde und Follower, die es in ihren Instagram-Storys hatten und ich konnte mich über ganz viel süße Unterstützung in meinem Freundeskreis freuen. Doch dann ging es immer weiter und schneller darüber hinaus. Düzen Tekkal hat es geteilt und es ging bis zu Susan Sarandon. Susan Sarandon hat mich singen hören! Ich hatte vor zwei Jahren meine Bachelorarbeit über „Die Hexen von Eastwick“ geschrieben, eine ihrer bekanntesten Rollen – und jetzt nutzt sie meinen Song, um auf die Frauen im Iran aufmerksam zu machen? Wie absurd ist das alles gewesen! Sicher hat auch das Format eines Songs gut reingepasst in diese Phase. Das ist dann doch noch mal ein anderer Zuweg als News und Infokacheln, die natürlich auch superwichtig sind, aber die manchem auch zu nah dran oder zu krass waren. Nicht jeder kann mit Bildern von vor Ort umgehen, wo eine Frau geschlagen wird zum Beispiel, verständlicherweise … Musik konnte da also noch mal andere Türen öffnen. Ich bin jedenfalls sehr froh, dass mir so viele Menschen die Möglichkeit gegeben haben, sie über meinen Song für die Situation der Frauen im Iran zu sensibilisieren.

Social Media und Inhalte wie deiner spielten begleitend zu den Ereignissen eine große Rolle.

Ja, dadurch konnte ich mich kurz mal wahnsinnig nützlich fühlen – wobei ich mir natürlich aber auch oft nutzlos vorkam. Denn ich habe hier in Deutschland eine sehr privilegierte Position. Ich muss keine Angst haben, als Frau verfolgt zu werden, weil ich kein Kopftuch trage oder weil ich öffentlich singen will und regimekritische Dinge teile. Sicherlich hat auch alles viel mit den Algorithmen zu tun, aber so konnte ich auf meine Weise da ein klein bisschen beitragen und das war richtig toll und hat mir sehr, sehr viel gegeben.

Du hattest es eingangs auch erwähnt, der Mord an Jina Amini durch die Sittenpolizei ist schon wieder anderthalb Jahre her und seitdem ist viel passiert. Kannst du einschätzen, wie die Lage aktuell ist?

Jein. Zuletzt war eine Verwandte von mir, die mittlerweile in London lebt, in Teheran und meinte, dort hätte sie kaum Frauen mit Kopftuch gesehen. Es ist aber natürlich auch so, dass vor nicht allzu langer Zeit ein weiteres junges Mädchen aufgrund dessen umgebracht wurde. Es ist sehr schwierig …

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Ich glaube, dass sich die Frauen mehr trauen, weil sie gemerkt haben, wie viel Kraft in ihnen steckt – und dass sie auch von den Männern unterstützt werden. Frauen haben die Kopftücher abgelegt und Männer haben ihnen dafür auf der Straße kleine Geschenke in Form von Bonbons oder so in die Hand gedrückt. Einfach um sich erkenntlich zu zeigen für das Engagement. Dennoch handelt es sich an erster Stelle um eine feministische Revolution. Die Frau steht vorne, aber mit sehr großer Unterstützung von allen Leuten, die gegen das Regime sind und darunter eben auch sehr viele Männer. Männer, die ja auch im Rahmen der Proteste dann festgenommen und hingerichtet worden. Um auf die Frage zurück zu kommen, wie es jetzt im Iran aussieht, das ist nicht leicht zu sagen, im Moment wird wenig berichtet.

Das birgt ja auch eine Gefahr, wenn Dinge nicht mehr so im öffentlichen Fokus stehen.

Absolut, wobei ich schon verstehe, dass man nicht sich nicht ununterbrochen mit Mord und Totschlag beschäftigen kann. Ich habe auch bei mir wahrgenommen, dass ich weniger zu dem Thema teile. Aber es ist nach wie vor wichtig, sich einzumischen, den Menschen vor Ort zeigen, man steht an ihrer Seite. Gerade auch wenn man hört, dass Deutschland wieder in den Iran abschieben will. Vor einem Jahr hat sich die Regierung Scholz noch megascheinheilig gebrüstet in Tweets mit „volle Solidarität mit den Menschen im Iran!“ – und jetzt heißt es, man sehe keine Gefährdung mehr? Dabei herrscht dort gerade die höchste Hinrichtungsrate seit Ewigkeiten. Aber so ist es, wenn die Welt abgelenkt ist von anderen Geschehnissen, nutzt das Mullah-Regime das dafür, um klammheimlich besonders auch all jene Leute verschwinden zu lassen, deren Namen nicht überall in den Newsfeeds waren. Und das passiert!

Du selbst wirst vermutlich erstmal nicht mehr in den Iran reisen?

Warum sollte ich das überhaupt wollen? Ich glaube, ich bin bestimmt nicht der erste politische Staatsfeind und ich glaube genauso wenig, dass der iranische Geheimdienst in Deutschland denkt, „wenn wir mal einen guten Tag haben, dann legen wir die auch noch um“. Die haben sicher andere Menschen im Visier, aber würde ich in den Iran einreisen, dann wäre ich all dem ausgeliefert. Könnte sein, dass ich reinkommen, aber könnte sein, dass ich nicht mehr in einem Stück rauskomme. Man weiß es nicht, ich werde es sicher nicht drauf ankommen lassen. Und deshalb ist zum Beispiel auch mein Vater nicht in meinem letzten Musikvideo zu sehen, obwohl ich da wieder über den Iran thematisch singe. Doch man sieht nur seine Hände, weil er nicht möchte, dass sein Gesicht zu erkennen ist. Denn damit könnte er vor Ort in ernste Schwierigkeiten geraten …

Ich danke dir fürs Gespräch.

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Mina Richman ist aktuell auf Tour. Schaut vorbei, wenn ihr könnt, es ist einfach phantastisch. Thank me later!

22.03. München / 23.03. Karlsruhe / 24.03. Offenbach / 26.03. Bremen / 27.03. Hamburg / 03.04. Leipzig / 04.04. Berlin / 05.04. Göttingen / 06.04. Kassel / 12.04. Köln / 18.04. Düsseldorf / 19.04. Essen / 20.04. Recklinghausen / 22.04. Münster / 26.04. Bielefeld / to be continued …

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Jan Haller
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