Umgemodelt


Depeche Mode Remixes 2: 81-11

Mute/EMI

Synthie-Pop: Die zweite Sammlung der Remixe von Depeche-Mode-Songs ist eine moderne Leistungsschau des Produzentengewerbes – mit seinen Höhen und Tiefen.

Die Zahlen sprechen eindeutig für Depeche Mode. Eine der vielen von Fans äußerst akkurat gepflegten Seiten im Internet listet mehr als dreihundert Remixe auf – allein vom Song „I Feel Loved“. Dieses Lied vom Album Exciter aus dem Jahr 2001 ist, finden anscheinend Martin Gore, Dave Gahan und Andy Fletcher, in der Vergangenheit ausreichend bearbeitet worden, denn auf Remixes 2: 81-11 findet es sich nicht. Dafür aber, zumindest auf der umfangreicheren Dreifach-CD-Ausgabe, 37 alternative Versionen alter Hits und neuer Songs.

Dies ist bereits die zweite umfangreiche Sammlung nach der vor sieben Jahren erschienenen Remixes 81-04. Vielleicht deshalb sind Bearbeitungen der bekanntesten der vielen bekannten Klassiker der Band auf dem zweiten Teil der Remix-Compilation eher selten, aber die Wiederaufbereitung reicht trotzdem weit zurück bis in die Anfangstage der Synthie-Pop-Pioniere. So haben sich Röyksopp „Puppets“ vorgenommen, das vom Depeche-Mode-Debütalbum Speak & Spell aus dem Jahr 1981 stammt. Die Norweger bringen das alte Stück so effektiv zum Funkeln, dass es sich vorzüglich einfügt in das seit ewigen Zeiten grassierende Achtzigerjahre-Revival.

Auch nicht eben einer der jüngsten Erfolge von Depeche Mode, aber diesmal dafür gleich drei Mal in der Mache: „Personal Jesus“ vom 1990er-Album Violator. Die drei verschiedenen Versionen hier stehen für drei unterschiedliche Herangehensweisen an die Originale: Die norwegischen Grammy-Gewinner Stargate machen aus der eher nachdenklichen Vorlage ziemlich genau jenen zwar knalligen, aber auch etwas penetranten Euro-Trash, den man von ihnen erwarten durfte. Der Brite Alex Metric lässt die Struktur des Originalsongs weitgehend unversehrt, erhöht aber die Tanzbodentauglichkeit entschieden, indem er einen mitreißenden Beat ohne großen Firlefanz konstruiert. Unter der Regie von Sie Medway-Smith aus dem Dunstkreis von Depeche Mode aber wird aus „Personal Jesus“ eine Klanglandschaft mit wechselnden Rhythmen und kontrastreichen Stimmungswechseln, in der sich Dave Gahans immerzu bearbeitete Stimme nur schwer gegen hysterische synthetische Geigen behaupten kann.

Der dreifache Jesus gehört allerdings eher zu den Schwachpunkten von Remixes 2: 81-11, das ansonsten durchaus eine veritable Leistungsschau des Produzentengewerbes abgibt, indem es das Spektrum vom Dance-Dienstleister bis hin zum Elektronik-Komponisten perfekt abdeckt. So zieht der Berliner Tigerskin anhand von „In Chains“ vom aktuellen Depeche-Mode-Album Sounds Of The Universe alle Register, um einen Club zum Brodeln zu bringen: Ein schon fast Rockabilly-artiger Rhythmus liegt über einer distanziert verhallten Atmosphäre, durch die sich schier endlose Keyboardflächen ziehen, als hätte sie Jean Michel Jarre dort vergessen, während ein grandioser Spannungsaufbau mit geschickt platzierten Entspannungsphasen beständig auf den nächsten dramatischen Höhepunkt zusteuert. Doch gleich anschließend beweist der SixToes Remix von „Peace“, dass Neubearbeitungen von Songs eben lange schon nicht mehr allein für den Dancefloor bestimmt sind: Aus dem pumpenden Original mit Hang zum Industrialsound wird hier eine verspielte, kammermusikalische Miniatur, die die depressive Stimmung des Songs von Sounds Of The Universe fast schon schmerzhaft herausarbeitet.

Nahezu alle Genres und ihre Unterabteilungen scheinen bei diesen Remixen vertreten zu sein: Digitalism aus Hamburg dekonstruieren „Never Let Me Down Again“ zur Tour de Force aus Broken Beats und gemeinen Störgeräuschen, der Berliner Produzent Efdemin beweist mit „Corrupt“, dass Minimal Techno sehr viel spannender sein kann als sein Ruf, und durch Oliver Huntems Version von „Everything Counts“ wehen Depeche Mode nur noch als eine ferne Ahnung, während der Beat gnadenlos vorwärts treibt. Unter den Händen von Monolake wird „The Darkest Star“ zum dunkel schillernden Himmelskörper aus spacigen Klängen und endlosen Hallräumen, während Trentemøller „Wrong“ in ein klackerndes, hüpfendes, nervöses Ereignis verwandelt, das kein bisschen an die epischen Klanglandschaften erinnert, mit denen der dänische Produzent und DJ selbst zuletzt reüssierte.

Doch so unterschiedlich diese Remixe im Einzelnen auch sind, erstaunlich bleibt, wie die für Depeche Mode so typische Grundstimmung der Songs meist dann doch erhalten bleibt. Das mag an Dave Gahans Stimme liegen, die oft das Einzige ist, was noch vehement an die Originalsongs erinnert. Aber ob bollernde Beats oder ratternde Sequencer: Diesen Songs scheint jene leicht melancholische, verträumte Romantik, die Depeche Mode immer ausgezeichnet hat, einfach nicht auszutreiben zu sein. Das gelingt nicht einmal den nicht eben im Frieden geschiedenen Ex-Mitgliedern, die erstmals ebenfalls mit eigenen Remixen vertreten sind: Selbst Alan Wilder („In Chains“) und Vince Clarke („Behind The Wheel“) kapitulieren mit ihren Neubearbeitungen vor der Größe der ehemaligen Kollegen.

Name Depeche Mode

Gegründet 1980

Mitglieder Martin Gore (Keyboards, Gitarren, Gesang), Dave Gahan (Gesang), Andy Fletcher (Keyboards)

ehemalige Mitglieder

Vince Clarke (1980-81, seitdem Yazoo, Erasure, The Assembly), Alan Wilder (1981-95, seitdem Recoil)

Einfluss auf Pet Shop Boys, The Killers, Juan Atkins, Client, jede Synthie-Band und mindestens zwei Drittel aller Gothic-Combos