The Police – Die Miete ist bezahlt


Ostersonntag, 6.4.80,Berlin! Es ist schon ein verdammt seltsames Gefühl, wenn bei deiner erklärten Lieblingsband plötzlich die Kids in den ersten Reihen aus vollem Halse Andy, Stewart und Sting schreien… Als sei man in einem Konzert der Bay City Rollers oder David Cassidy, zu Zeiten wohlgemerkt, als diese noch fröhlich ihr Scherflein insTrokkene retten konnten… Da sangen alle aus Leibeskräften nicht nur die Refrains mit, da flogen zwar keine Teddybären aber immerhin Bonbons, Zigaretten, Weingummi und (saisonbedingt!) Ostereier aus Schokolade auf die Bühne… Und die Jungs genossen sichtlich die Sympathien, aßen das eine oder andere süße Ding und gaben den Rest durch gezielte Würfe ins Publikum zum fröhlichen Verzehr wieder frei… Tja‘, dachte man melancholisch zurück… Es gab Zeiten, da kanntest nur du die Band… (und ein paar wenige andere auch). Da gab es noch keine Police-LP, da tönte nur Stings Superogan von Schoeners FLASHBACK Album, da drumte zielstrebig Copeland seine Passagen, da spielte Andy Summers eine Gitarre, wie man sie selten zuvor so facettenreich eingesetzt gehört hatte… Und das ist keine drei Jahre her, als man sie als „Hilfspolizisten“ im Dienste der VIDEOMAGIC kennenlernte. Heute finden wir sie/sie sich in schwindelnde Höhe katapultiert… Supercops müßte man sie nennen, legten sie Wert darauf. Tun sie aber nicht! „The rent is paid“, ist dann auch Drummer Stewart Copelands erklärter Lieblingssatz im Gespräch. Andy Summers hatte sich mit der ernsthaften Bemerkung zu seiner Frau ins Zimmer abgesetzt: „Mit Dir rede ich nicht mehr. Du weißt eh schon alles!“ Vielen Dank, Andy. Aber als Intimkenner möchte ich mich nun wirklich nicht bezeichnen. Zurück zu Stew. „Es stimmt. Es ging alles überraschend schnell mit unserem Aufstieg. Niemand konnte das erwarten. Natürlich hoffst du als Band drauf, sonst würdest du gar nicht erst anfangen. Ich wußte, wir hatten mit Sting den besten Sänger der Welt, und ich fand unser Material besser als das vieler anderer Gruppen. Na Und? Das denkt doch schließlich jeder bei seiner Band….“ Der Traum von einer Gold-LP konnte jedenfalls bald ad acta gelegt werden. Jeder der Jungs hat inzwischen 20 goldene und platinveredelte Scheiben Zuhause. „Aber vergiß das“, betont Stewart. „Was zählt ist, daß wir heute abend als headliner auf diesem Festival spielen!“ Es folgt das bekannte Klischee (von mir!) in diesem Zusammenhang: den Burschen ist der schnelle Ruhm nicht zu Kopfe gestiegen. Vielleicht strafen sie mich eines Tages Lügen. Ich hoffe/glaube das nicht! Egal. Viele Kollegen schrieben schon: Well, Stings Stimme ist eh bald im Eimer. Und was soll Police denn überhaupt noch reizen, haben sie nicht schon alles erreicht, was man überhaupt erreichen kann!? „Klar, das haben wir“, weiß auch Stewart. „Wiederum, na und? Wenn’s nach oben nicht mehr weitergeht, kann man weiter in die Tiefe oder die Breite arbeiten“. Eben, schließlich ist Musik kein eindimensionales Ding, sollte es zumindest nicht sein… Was Police am meisten an ihrem erreichten Standard freut, ist die Tatsache, daß sie jetzt Sachen machen können, ohne auf Prestige oder Kommerz achten zu müssen. Märkte? Verkaufszahlen? Stewart: „Wir müssen darauf nichts mehr geben. Wir spielen nicht in Deutschland, weil es der zweitgrößte Markt ist. Wir wollen hier spielen. Aber wir spielen auch in Ägypten. Und da gibt es nicht mal eine Platte von uns…“ Touren für Police bedeuten heute gleichermaßen Sightseeing + Familienausflug. In Berlin hatte Andy seine Frau dabei, Sting Frau und seinen kleinen Sohn und Stew den Sohn seiner Freundin. Und man filmt/läßt filmen, was das Zeug hält. „Du weißt ja sicherlich von unseren Filmprojekten“, will Stewart schon wieder das Thema wechseln. Weiß ich nicht. Stewart: „O.K., einen Film machen wir über unsere Welttour. Einen Musikfilm mit Szenen, die wir an den schönsten Plätzen der Welt gedreht haben. In Bombay, oder in Ägypten. Police reitet auf Kamelen um die Pyramiden. Sehr fotogen! Dann machen wir ein 50minütiges Dokumentarfeature für die BBC, auch eines für ITV, den anderen britischen Sender (clever, clever). Und ich dreh‘ einen Super 8-Film für mich und meine Nachbarn, nur acht Minuten lang, aber ein richtiger Film mit Handlung und Musik. Andy ist mein Hauptdarsteller…“ Apropos Hauptdarsteller. Stings Schauspiel-Ambitionen werden auch oft in Verbindungmit einem baldigen Split von Police an der Gerüchtebörse gehandelt…. Stewart: „Es stimmt, Hollywood ist ganz scharf auf Sting. Er hat aber schon viele Produktionsfirmen abgewiesen, selbst Francis Ford Coppola auflaufen lassen. Er wartet auf das richtige Drehbuch. Zum möglichen Split: l.) sind solche Nebenbeschäftigungen, siehe Quadrophenia, nur gut für die Popularität der Band und 2.) spielen wir als Police weiter. Das einzige was passieren kann, ist, daß wir eines Tages nur eine Tour und eine Platte pro Jahr machen, wie das auch Led Zeppelin und ELP gemacht haben/ noch machen“. Und neben Stings Arbeit vor der Kamera und Stews dahinter, ist auch Andy Summers ausgelastet mit zusätzlicher Sessionsarbeit und der Vorbereitung einer Solo-Synthesizer-LP, die sehr unkommerziell sein wird. Stew: „Kennst Du Steve Reich? In diese Richtung arbeitet er. Und wenn es außer seiner Frau und seinen Eltern noch anderen gefallen sollte, wird er es wohl auch auf Platte rausbringen.“ Die Arbeit an einer dritten Police-Langspielplatte beginnt so langsam. „Wir erarbeiten das zusammen mit dem Film und dessen Soundtrack“, betont Stewart. In Tokyo und Melbourne, Australien, waren sie zwischen den Gigs schon ein paar Tage im Studio. Und die drei Nummern, die sie live in Berlin neu vorstellten, versprechen einiges. ,,Driven to tears“ (jedenfalls sang Sting das im Refrain) ist eine davon… The Police versteht sich auch heute noch wie in den frustrierenden, wenn auch „stilvollen“ Anfangstagen in den Londoner Punkclubs, als peoples band. „Meine Freunde von der Climax Blues Band, Renaissance, Caravan oder AI Stewart, haben mich damals für verrückt erklärt, als ich in die Punkclubs abzog, um erste Auftritte für die Band an Land zu ziehen“, beschreibt der Police-Drummer die Anfangstage.“ ,Wie kannst Du nur‘, sagten die. So erfährt die Band nie Achtung in Musikerkreisen, kommt nie zu Ansehen, befürchteten die. Was für ein Blödsinn. Ich setze mich doch als neue Band nicht in den Proberaum und überlege mir, was ich wohl machen muß, damit Billy Cobham vielleicht eines Tages mal sagt: „Police, eine tolle Band.“ Ich will das Publikum begeistern. Vergiß die anderen Musiker.“ Police haben die Kids zwischenzeitlich erobert. Weltweit. Und die Stars und Musiker gleich mit. Kaum jemand, mit dem ich in letzter Zeit ein Interview machte, kam umhin, aufgrund meines Police-B adges zu gestehen: ich bin auch ein Police-Fan. Und das unabhängig von Typ, Background, Stilrichtung. Phil Collins liebt die Band, Tim Curry empfindet Sting als ,a fucking big star‘, was zweifelsohne positiv zu werten ist, Carl Palm er schwärmt, Roger Taylor von den Queen. Copeland winkt ab: „Eigentlich interessiert uns das nicht.“ Aber er ergänzt meine unvollständige Aufzählung zumindest. „Wann immer ich Artikel über andere Bands lese, überall taucht das auf: ich mag Police. Von Chick Corea an bis zu Ted Nugent am anderen Ende. Paul McCartney, Rod Stewart, sogar Devo sagen: Police, that’s hot stuff. Aber wie gesagt, unser Publikum sind die Kids, old Kids, young Kids. Punks, Rockers, Mods, Skinheads, Hippies. Und sogar seriöse Jazzfans…“ Und plötzlich bricht es doch noch ganz stolz aus ihm heraus, obwohl es ihn ja eigentlich gar nicht interessiert. „Mann, das Größte: in Birmingham kam John Bonham mit seinem Sohn hinter die Bühne. John war mein hero, als ich noch zur Schule ging. Und der kam rein und sagte zu seinem Sohn: „Der da drüben ist viel besser als ich.“ Ich konnte das gar nicht glauben in diesem Moment, war ganz perplex. Aber glücklicherweise hab ich’s auf Film.“ Bei soviel Anerkennung von allen Seiten (soll man deshalb von Police als Jahrhundertgruppe sprechen?) hat Stewart sein Erlebnis aus den Straßen von Indien, sprich den Dämpfer von Bombay, schnell wieder verkraftet. Den Wissensstand der jungen Inder bezüglich Rock’n’Roll wollte er erkunden. Und die zeigten sich auch recht aufgeschlossen: „Klar kennen wir Rock’n’Roll! Die Bee Gees und John Travolta, erklärten die ihm stolz. Wer weiß, was Stew in seinem erklärten Traum-Auftrittsland China in dieser Richtung erwartet… Sting treffe ich noch beim Essen. „Verzeih‘, daß ich bei dem Interview nicht dabei bin. Aber ich muß ein wenig auf meine Stimme achten“, flüstert er fast. Und Manager Miles Copeland imitiert einen möglichen Interviewverlauf: Reporter: „Was hat Sting gesagt…“ – Copeland: „Sting wollte sagen, daß…“ Kurz und gut: so hat’s keinen Sinn. Das hat nichts mit Star oder nicht Star zu tun…“ Sting, bei der Gelegenheit ein Wort von Mund zu Ohr: ,Jn Deutschland ist gerade eine Single herausgekommen, .Nuclear Waste‘, von den Radio Actors, ein Anti-Atom-Kraft-Song mit Sting, Steve Hillage, Steve Broughton, Nick Turner. „Wie alt ist das Ding eigentlich schon?“ Sting: „Ca. 2 Jahre. Aber ich steh‘ nicht mehr dahinter.Inzwischen bin ich pro-nuclear. Stell Dir vor, all die Jungs, die in Bergwerken Kohle schürfen, die bekommen alle eine Staublunge…“ Wie erst das nun wieder gemeint war? Genauso ernst wie ihr Name, Police?!