Konzertbericht

Rotz und Reife: So war es bei The Libertines in München

Die Briten beweisen mit alten Gassenhauern & balladesker Melancholie, dass sie auch nüchtern & angeschlagen begeistern können.


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Frohe Kunde eilte dem Konzert voraus, sie betraf das prominenteste Mitglied der Libertines. „Drogen adé, ich trink nur noch Tee“ reimte die Bildzeitung über dem Foto eines pausbäckig lächelnden Peter Doherty mit grauem Haar, feinem Moustache und Schiebermütze, was dann auch die zu übermittelnde Botschaft bündig zusammenfasste.

In einer Welt voller schlechter Nachrichten ist das endlich mal eine gute, besonders mit Blick auf die Details. Der Mann, der seinem Bandkollegen Carl Barât einst diverse Instrumente klaute, um seinen Drogenkonsum zu finanzieren, lebt nun als Familienvater in der Normandie, wechselt die Windeln seiner Tochter, träumt von einem Bauernhof, und berichtet über das aktuelle Tourleben seiner Band etwa Folgendes: „Nach den Konzerten feiern wir komplett anders. Wir setzen uns hin, der Hund ist dabei, und wir trinken Tee. Mein Hunger nach Zerstörung ist komplett weg.“

Die Überraschung

Diese Worte noch in den Ohren, ist man dann doch etwas erschrocken, als sich Doherty auf der Bühne der Münchener Tonhalle am Samstag, den 8. Februar, direkt in einen gut gepolsterten Drehstuhl plumpsen lässt. Nachdem es in Berlin und Wiesbaden noch im Stehen ging, wird er dieses bequeme Sitzmöbel auf Anraten eines Doktors namens „Jürgen oder Jörg“ (O-Ton Doherty) nur noch zum Stimmen seiner Gitarre verlassen, die Gründe dafür dürften irgendwo im Rückenbereich liegen.

Und so muss dieses Konzert also ohne die Bühnendynamik zwischen Doherty und Barât auskommen, die bekanntermaßen darin liegt, dass die beiden am Mikro die Köpfe zusammenstecken und sich als Gitarristen und Sänger die Bälle zuspielen. Das ist natürlich schade und etwas irritierend. Doch Barât ist Doherty ja schon immer gern entgegengekommen, da sind ein paar Gitarrenriffs im Knien und geduckte Tänzeleien auf Drehstuhlhöhe noch die leichteste Übung.

Die Expressivität hochbegabter Zehnjähriger

Musikalisch hingegen wirken diese vier so fokussiert selten. Die windschiefe Melodik ihres frühen Indie-Rocks bekommen Doherty und Barât noch immer mit der Expressivität hochbegabter Zehnjähriger nach ihrem ersten Bier zusammengeschrabbelt, was mal eine vertraute Süße („What Katie Did“), mal runtergeknüppelte Sternstunden in Sachen Punk („Horror Show“) mit sich bringt.

The Libertines 2.0

Der Zauber dieses Konzerts liegt dabei auch im Kontrast zwischen diesen zerfaserten Exzessen und den elaborierteren Songs der Libertines 2.0, für die Barât sich meist ans Klavier setzt. Die tausend Tränen tiefe Liebesbekundung „You’re My Waterloo“, die seelenwunde Immigrations-Reflexion „Merry Old England“, der für wohlige Schauer auf der Haut sorgende Edelgroove von „Shiver“ – all das transportiert eine fein gewobene Melancholie, die deutlich macht, dass die Libertines zwischen altem Rotz und neuer Reife bis heute jene Freigeister geblieben sind, als die man sie seit den goldenen Jahren des Indie-Rock zu schätzen weiß.