Interview

Heaven Shall Burn im Interview: „Wenn wir abhauen, wird die Soße noch brauner“

Ein Gespräch über Heimat, den Arsch der Welt, Empowerment und Antibiotika gegen Faschismus.


Heaven Shall Burn sind einer der größten Metal-Acts in Deutschland. Und doch überzeugte Außenseiter geblieben – als Linke in Thüringen und als politisch aktive Band in ihrer Szene. Ein Gespräch mit Gitarrist Maik Weichert.

Im vergangenen Jahr haben Heaven Shall Burn in Wacken als Headliner gespielt, aber auch bei „Jamel rockt den Förster“. Was war der wichtigere Auftritt?

Das ist eine fiese Frage. Für unsere Bandbiografie war Wacken sicher ein Meilenstein. Jamel ist eher eine logische Konsequenz für eine ostdeutsche Band, die politisch engagiert ist.

Was für eine Bedeutung hat ein Festival wie „Jamel rockt den Förster“?

Dort holen sich die Leute die Kraft, um sich den Rest des Jahres in Finsterwalde, in Pößneck oder in einer anderen abgehängten Gegend nicht unterkriegen zu lassen. Diese Empowerment­-Momente sind extrem wichtig, um sich gegenseitig zu vergewissern: Ich bin nicht allein. Als ich 1993 in Gera Kreator gesehen habe, und die Band komplett in Anti­-Nazi­-T-Shirts auf die Bühne gekommen ist, war das ein krasses Zeichen für mich: Ich gehöre auch dazu als Antifaschist. Wenn wir demnächst auf Release­-Tour gehen, spielen wir eben auch in einem Ort wie Themar. Das findet man kaum auf der Landkarte, aber es ist wichtig, dass da wenigstens einmal im Jahr was stattfindet – und der Landgasthof mit seinem rechten Gitarrenabend nicht allein ist.

Diese abgehängten Gegenden sind für viele Menschen Heimat. HEIMAT heißt euer neues Album, das Ende Juni kommt – warum dieser Titel? Und warum ein deutscher Titel, obwohl eure Texte alle auf Englisch sind?

Die Spannung, die in dem Begriff steckt, die war uns wichtig. Gerade auch, weil das Wort ungute Gefühle auslöst bei den Leuten in unserer Blase – und heimelige Gefühle bei denen, die uns eher nicht wohlgesonnen sind. Und es gibt kein englisches Wort, mit dem du dieselbe Reaktion bei einem Deutschen auslösen kannst.

Du bist aufgewachsen in Blankenhain, südlich von Weimar. Zuletzt 6.609 Einwohner, bei der Bundestagswahl hat die AfD 43,8 Prozent geholt. Ist das noch deine Heimat?

43,8 Prozent ist doch gar nicht so schlecht, da gibt es ganz andere Ergebnisse in einigen Ortschaften in Thüringen. (lacht) Aber klar ist das noch meine Heimat. Da bin ich sozialisiert worden, das ist, wo ich her komm, und dazu gehört halt auch, dass ich in den 90er-­Jahren dort als Langhaariger regelmäßig aufs Maul bekommen sollte. Dieser Stinkefinger, wir kommen von hier und wir bleiben auch hier, das gehört von Anfang an zu Heaven Shall Burn. Als wir angefangen haben, ein paar Platten zu verkaufen, kam das schnell: Ihr müsst nach Berlin oder Hamburg, da ist das viel einfacher mit den Medien und ihr könnt mal schnell irgendwo hinfliegen. Und zugegeben: Jedes Mal, wenn wir auf Tour gehen, flucht der Nightliner­-Fahrer, weil er erst stundenlang durch Thüringen kurven und uns alle einsammeln muss. Aber da sind wir uns einig mit Kraftklub: Ich will nicht nach Berlin.

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Nie in Versuchung gewesen, doch wegzuziehen?

Nie. Ja, wir sind hier am Arsch der Welt, aber es ist ein Statement, dass wir hier nicht weggehen. Ich habe Freundesblasen in Blankenhain und anderswo, wenn ich da zu bestimmten Themen nicht das Maul aufmache, dann ist die Denkweise, die ich vertrete, da gar nicht mehr vertreten. Dann bin ich nur der Nächste, der nach Nürnberg oder Köln abgehauen und dort glücklich ist. Dann wird die Soße hier nur noch brauner.

Wie durchbricht man diesen Teufelskreis, dass die Engagierten weggehen, es noch brauner wird, und dann noch mehr weggehen?

Eine Methode wäre die Aussetzung der Mietpreisbremse, um es den Leuten zu vergällen, in die großen Städte zu gehen. (lacht laut) So eine Corona-Pandemie hilft auch, das Land wieder zu bevölkern. (lacht noch lauter) Aber das ist in der Tat ein Riesenproblem, dass engagierte Leute frustriert werden. Ich kenne Dörfer, da leben liberale Menschen, die da mit viel Liebe einen alten Hof wieder instand gesetzt haben. Aber die fahren mit ihrem Tesla am Wochenende zu ihren Kumpels in die Großstadt, während die Dorfkids auf dem Sportplatz vom Nazi trainiert werden, weil der der Einzige ist, der Bock hat, Samstag morgens aufzustehen. Ich verstehe das schon: Ich bin auch nicht so gestrickt, dass ich auf dem Dorf in den Kirmesverein oder die Kirchgemeinde gehen würde. Mitunter gibt es auch durchaus genug Progressive, aber die Enden finden nicht zueinander. Zu oft gibt es das alte Dorf und daneben den Hypothekenhügel mit den neuen Häusern – und die existieren nebeneinander.

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Wie sind denn die Reaktionen in der Metal-Szene auf eurer politisches Engagement?

Im Metal gibt es oft die Forderung, das Genre solle unpolitisch sein. Und tatsächlich gibt es im Metal auch wirklich viele, die unpolitisch sind, die noch nie ein Interview mit uns gesehen haben, die noch nie einen Text gelesen haben, die nur die Musik geil finden, und sich dann ehrlich wundern, wenn wir zu einer Demo gegen den AfD-Jugendparteitag in Apolda aufrufen. Es gibt wirklich viele, denen ist völlig egal, ob das ein Song über den Schatz am Ende des Regenbogens oder – wie bei uns – über Primo Levi ist. Hauptsache, sie können dazu headbangen. Dem halte ich aber immer entgegen: „Wenn ihr was gegen Antifaschisten habt, dann schafft erstmal den Faschismus in der Szene ab.“ Ich brauch’ die Antibiotika erst dann nicht mehr, wenn es keine Bakterien mehr gibt.

Die Szene sieht euer Linkssein also gar nicht so kritisch?

Zugegeben, die Schulterklopfer, die wir heute bekommen, die gab es vor 15, 20 Jahren noch nicht. Heute loben uns Leute für unsere klare Haltung, dafür dass wir nicht wie andere um jede politische Frage helenefischermäßig herumeiern aus Angst, einen Teil der Fans zu verlieren. Ja, Metal ist konservativ, aber Metal war nie vollkommen unpolitisch, es gab immer auch linke Positionen wie die frühen Metallica oder Megadeth. Viele kommen auch aus der Punk- und UK-Grindcore-Ecke, in der Tradition sehen wir uns. Aber unser Problem war früher eher, dass unser rebellischer Duktus gerade in der rechten Szene sehr verfängt.

Liegt vielleicht auch daran, dass man eure Texte nicht wirklich gut verstehen kann.

Ja, das ist das Metal-Dilemma. Meine Mutter sagt immer, wir klängen wie ein D-Zug, der an einem vorbeifährt. Die ist immer ganz angetan von den klassischen Intros.

Warum habt ihr trotz eures großen Erfolgs niemals eure Brotberufe aufgegeben?

Wir haben wohl nicht dran geglaubt. Du merkst deinen Fame selbst auch als Allerletzter. Zwar erzählen dir alle, auch viel zu früh, wie geil du bist, aber richtig spürt man das erst viel später. Und dann an so seltsamen Punkten wie dem, dass sich das Finanzamt meldet und mal eine ernsthafte Prüfung machen will. Oder du kriegst einen Clip aus einem random Porno-Film geschickt, in dem ein Typ ein Heaven-Shall-Burn-T-Shirt anhat. Da merkste dann, du bist in der Popkultur angekommen. (lacht) Aber wenn du nach zwanzig Jahren Bandgeschichte in Wacken als Headliner spielst, dann ist es längst zu spät, drüber nachzudenken, ob du jetzt doch noch Profimusiker werden willst. Dafür müssen wir aber auch keine Panik bekommen, wenn der Sänger mal Halsschmerzen hat, weil da für ein halbes Jahr zwanzig Jobs dranhängen. Ich kann immer entspannt auf die andere Seite des Lebens schauen – und mir jeweils sagen: „Ich mach das hier aus Passion, weil ich was verändern will, ich muss das nicht machen, ich hab immer noch mein anderes Standbein.“ Diese Entspanntheit hätte ich weder als Vollzeitjurist noch als Vollzeitmusiker.