Hirnflimmern

Hauptsache wohlverdient: Warum die Vernichtung der Menschheit gar kein so schlechter Move wäre


Wir kriegt man die Weltprobleme mit seinen Konsuminteressen in Einklang? Gönnen können! Die aktuelle Hirnflimmern-Kolumne aus dem ME 10/2022.

Ich blättere gerade im TV-Programm – aus Papier, voll nostalgisch! –, und die Inhaltsangabe eines Spielfilms springt mich an: „Peter Parker kann seine Europareise mit einigen Freunden nicht unbeschwert genießen, weil böse Kräfte aus einer Parallelwelt die Vernichtung der Menschheit anstreben.“ Ja, Scheiße, das nervt natürlich. Mir ist mal was Ähnliches passiert. Ich bin mal mit ein paar Spezln im Wohnmobil nach Ungarn gefahren, aber dann war das Wetter am Plattensee so mies, dann sind wir wieder zurück und rüber nach Italien, und Sie machen sich keine Vorstellung, was für eine unendliche Fahrerei das war mitten durch die Nacht, noch dazu hatte ich schon Forint gewechselt! Gut, vielleicht nicht 1:1 vergleichbar, aber war auch ätzend damals.

„Spider-Man: No Way Home“: Multiverses, Metaebenen-Humor & Marvel-Trailer

Ich weiß nicht, ist das noch ein first world problem, wenn man seinen Urlaub nicht unbeschwert genießen kann, weil fremde Mächte die Menschheit vernichten wollen? Klar geht da die Unbeschwertheit ein Stück weit flöten, aber ganz viele andere Leute können sich ja überhaupt keinen Urlaub leisten! Also, check your privileges, und stellt euch nicht so an. Ich glaube, so halten es viele, und so muss man’s auch halten in diesem Superreisesommer.

Man muss sich auch mal gönnen können

Freilich gibt es auch in unserer Zeit und Welt böse Kräfte, die etwa die Vernichtung zumindest von Teilen der Menschheit sowie der europäischen Demokratien anstreben sowie zum Beispiel blöde Kräfte, die eine Renaissance der Atomkraft wollen. Und es schaut auch sonst einfach nicht so toll aus mit dem Planeten, der besagten Menschheit und dem ganzen Gedöns. Aber man muss sich auch mal gönnen können und so einen – Achtung, catchword – „wohlverdienten“ Urlaub unbeschwert genießen (außer natürlich, irgend so ein Hiwi vom Hotel hat wieder die ganzen Reservierungshandtücher von den Strandliegen geklaubt, da könnt ich D-U-R-C-Hdrehen, echt!).

Oktoberfest: Kapellmeister will Text von „Layla“ umschreiben

Apropos Bösewichte, die die Demokratie vernichten wollen: Als wir damals in Ungarn herumgurkten, war Victor Orbán noch, was weiß ich, kryogenisch eingefroren oder so. Jedenfalls ging das da drüben erst später im großen Stil los mit dem nationalistischen Getröte, seitdem interessiert mich auch das Wetter am Plattensee nicht mehr so. Und wenn wir von verblendeten Massen reden: Hier in München waren letzte Woche 90.000 Menschen auf einem Open-Air-Konzert von Andreas Gabalier.

Youtube Placeholder
An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Noch mal zum besseren Verständnis: Wir reden von 90.000 (!) Menschen, die bei einem Konzert von Andreas Gabalier (!) waren. Die meisten von denen dürfen wählen gehen, und jede/r Einzelne könnte einem wahrscheinlich erklären, warum dieses „Layla“-Puffmutterlied doch nicht so schlimm ist, du woker Spießer!, die Spider Murphy Gang hat doch auch schon mal über Prostitution gesungen! Hm. Mal aus der Sicht des Sibirischen Tigers, der Sumpfschildkröte und der Seeanemonen gesprochen, wäre die Vernichtung der Menschheit übrigens gar kein so schlechter move. Just sayin’.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 10/2022.