Film-Kritik

Geschlossene Gesellschaft: Wie Clubs während der Pandemie überleben  


Die Kultur leidet besonders unter Corona. Auf dem DOK.Fest München läuft nun eine Dokumentation, die vier Münchener Clubs ein Jahr lang begleitet. Sie gewährt intime Einblicke und verschafft einer Subkultur Gehör, die politisch wenig beachtet scheint.

Wo sonst 700 Veranstaltungen im Jahr stattfinden, stehen jetzt Palmen. Das Backstage München mutiert wegen der Pandemie zum botanischen Garten. Im Coronawinter sollen sie im Innenraum überleben. Durch das Dickicht kämpft sich Hans-Georg Stocker, Inhaber des Backstage Clubs. Auf Schildern reihen sich abgesagte Events aneinander. „Ich schaue gar nicht darauf, was alles gewesen wäre“, sagt Stocker. „Ich gucke lieber weg, es ist so frustrierend.“

Die Dokumentation „Geschlossene Gesellschaft“ begleitet Stocker und das Backstage sowie drei weitere Münchener Clubs, P1, Harry Klein und Milla, durch ein Jahr Pandemie: vom Frühling 2021 bis Frühling 2022, bis zum Ende aller Corona-Auflagen. Die Pandemie hat die Kulturbranche hart getroffen. Im geschlossenen Raum eng tanzen, schwitzen, feiern, ging zwei Jahre kaum. Und wenn im Frühjahr 2021 im Öffnungswirrwarr mal Museen öffneten, blieben Clubs geschlossen. Sie befinden sich am hinteren Ende der Nahrungskette.

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Hans von Brockhausen und Max Weishaupt schneiden Partyszenen mit Leere, Bässe und tanzendes Treiben wechseln mit der wabernden Musik von Christoph Schauer. Clubs ohne Partyvolk zeigt auch die Münchener Ausstellung „Nachts“ im Stadtmuseum. Sie hat das berüchtigte Atomic Café originalgetreu nachgebaut, begehbar für Besucher:innen. Wer konnte ahnen, dass die bis Januar 2023 verlängerte Ausstellung von dem Virus eingeholt, die ausgestellten leeren Clubs bittere Realität würden.

Am Tag vor der Schließung tranken sie noch Corona-Bier, zum Spaß

Angelica Schwarzkopf jedenfalls nicht. Sie steht an der leeren Bar im Backstage. Hinter ihr, an einer verstaubten Spiegelwand, tummeln sich eigentlich Getränke, ein Gerät wummert. Sie erzählt vom letzten Gig vor Corona. „Kyle Gass hat gespielt. Damals sind schon viele trotz gekaufter Tickets nicht erschienen“, sagt sie. „Das waren schon super strange Vibes. Ich habe mir mit einem Kollegen noch zwei Corona-Bier geholt, als Spaß. Einen Tag darauf waren alle Schichten abgesagt.“

Was nun? Die Clubs fangen mit Streaming an. Dafür müssen Interessierte zum Teil zahlen. Im Milla streamen sie nur mit Fördergeldern, ansonsten hätte sich der Club das Equipment nicht leisten können. Später verkaufen sie Bier, das sich kaum noch hält. „Die Leute haben uns oft mehr Geld gegeben, noch ein T-Shirt geholt, da haben wir gemerkt, wie gerne uns die Leute unterstützen“, sagt Philipp Engelhardt, der das Booking im Milla macht. In das liebenswerte dunkle Loch passen sonst an die 200 Leute, nun liegt hier allerlei Gerümpel.

Andreas Staebler spielt im Milla. Ohne Publikum, er streamt in den Äther. Danach setzt er sich an einen Tisch, setzt die Maske ab und raucht erstmal eine. Staebler muss, um zu überleben. Er hat mal bei zwei befreundeten Bands in den Stream geschaut. „Aber eigentlich packe ich das nicht. Als Künstler deprimiert mich das.“ Er betreibt noch einen Plattenladen, gibt Kund:innen gern einen Kaffee aus, wenn sie länger nach Vinyls suchen. Wenn sie denn reindürfen. Er sinniert über Selbsttests, glaubt nicht, dass für fünf Euro jemand kommt. „Es bleibt erstmal so“, sagt er. Dann raucht er noch eine vor seinem kleinen Laden.

Szene aus „Geschlossene Gesellschaft“

Im Sommer 2021 startet das P1 mit Biergärten, anderswo, wie im Backstage oder Harry Klein Kollektivgarten, Open Airs. Im Backstage Open Air spielen die Pop-Punker von Itchy. Anfangs hält es die Leute noch auf ihren Biertischen. Später stehen immer mehr auf, tanzen, nur noch lose an ihren Tisch gebunden. Einige verlieren sich völlig in der Musik, und spätestens als sie Feuerzeuge zücken, scheint die Normalität zurück. Sommer 2021, ein Aufbegehren vor dem Omnikron-Winter. Die Zeit der Picknickkonzerte, immer mehr Deutsche lassen sich impfen.

Immerhin lässt sich nun renovieren, verputzen, aufräumen. Tino Heidrich schiebt Schubkarren durch das Backstage-Gelände, irgendwo sägt es. „Es ist alles Baustelle hier“, sagt er. Dachdecker beheben Schäden am Achtzigerjahre-Dach. „Wenn es regnet, werde ich schon mal nass im Büro“, sagt Heidrich. Im Milla renovieren sie den Boden, blau, wie ein Swimming Pool schaue das aus, finden sie hier.

Die Clubs konnten nicht planen

Auch die Clubs haben unter einer erratischen Coronapolitik gelitten, die im Zweifel Kultur hintenanstellte. „Wenn ich aufmache und die Lager vollmache, Personal anstelle, in zwei Wochen aber wieder alles dicht ist, stehe ich da wie der Depp“, sagt Tino Heidrich. „Die Politik hat immer verzögert reagiert“, beklagt auch Peter Süß vom Harry Klein. Es habe nie weitreichende Entscheidungen gegeben, so könnten die Clubs nicht planen.

Selbst wer die Subkultur geringschätzt oder keinen emotionalen Wert beimisst, könnte auf die harten Fakten schauen. Clubs bedeuten für Städte wie München Standortvorteile. Sie locken junge Arbeitnehmer:innen in die Großstadt. Und mit einem Umsatz von 81 Milliarden Euro und mehr als einer Million Erwerbstätigen ist die Veranstaltungswirtschaft laut ihrer Interessengemeinschaft der sechstgrößte Wirtschaftszweig in Deutschland. Allein 243 000 Solo-Selbstständige arbeiten im Dienstleistungsbereich für Messen, Konzerthallen und auch Clubs. All diese Menschen bangten zwei Jahre lang.

„Geschlossene Gesellschaft“ widmet sich ihnen. Die Doku verbeugt sich vor ihnen und ihren Gästen. Sie verschafft Kulturschaffenden dringend benötigtes Gehör. „Es ist Clubkultur, nicht nur Disco“, sagt Peter Fleming vom Harry Klein. Deutschland ist mit seinem Kurs vergleichsweise gut gefahren, hat weniger Tote pro Einwohner:innen als das liberale Schweden, weniger als Südeuropa mit ihren durch Troika-Austerität kaputtgesparten Krankenhäusern.

Mit diesem Kurs fielen Clubs aber hinten durch. Junge Menschen, die anders als in Frankreich selten in die Schule konnten, die kaum feiern durften, haben gelitten. Auch verlorene Jugendjahre, unerfüllte Sehnsüchte können Leid bedeuten. „Ich habe es vermisst frei zu sein, die Problem im Alltag stehen zu lassen“, sagt Clubgänger Atakan Alkin. Vorerst kann er wieder tanzen, und die Palmen im Backstage stehen wieder draußen.

„Geschlossene Gesellschaft“, DE 2022, 90 Minuten, läuft auf dem DOK.Fest München am 12. Mai, 20:15h, im Backstage und am 14. Mai, 20:00h im Harry Klein. Die Dokumentation ist für den Publikumspreis des DOK.Fests nominiert.

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